Frieder Hartung | Urbane Projekte & Konzeptionen

Places for tomorrow

New frontiers

Beteiligen Sie sich! 12/10

Beteiligung und Kommunikation steht oben auf der Agenda, keine Frage. Gleich mehrfach drängt das Thema im Bezug auf städtebauliche Projekte und Zukunftsentscheidungen dieser Tage in die Welt der Planer und Architekten.

  1. Die Internationale Bauausstellung 2013 in Hamburg hat sich diesem Themenkomplex vielschichtig gewidmet und die Erfahrungen brandaktuell in der IBA-Lounge im Haus der Architekten am 25. September in Stuttgart vorgestellt. Ein spannender Weg stellt z.B. der Einsatz von Beteiligungslotsen dar. Ausgebildete Studenten gingen in die Haushalte hinein, zu den Bürgern hin und haben die vielfach migrantischen Haushalte auf einer persönlichen Ebene eingeladen an den Workshops und anderen Formaten mitzumachen bei der Weiterentwicklung ihres Quartiers.
  2. Von Hausbesuchen zur virtuellen Sphäre. Als kommunikative Bürgerbeteiligungs-Plattform für verschiedene Projekte der Stadtentwicklung in der Republik ist die Zivilarena vor wenigen Tagen an den Start gegangen und bietet einen Raum für Debatten von Experten und Interessierten zu speziellen Themen als auch konkreten Projekten. Dahinter stecken das immobilienwirtschaftliche Unternehmen Bulwien Gesa AG und die firu Gesellschaft für Umwelt- und Raumthemen aus Kaiserslautern, die ein aufkommendes Geschäftsfeld damit besetzt haben.
  3. Das eigene Projekt. Am 22.09. wurde einen Tag lang losgelöst von Einzelentscheidungen mit Mitgliedern der Verwaltung und dem Gemeinderat die Entwicklungsperspektive der Kommune in der Nähe des Bodensees in den Fokus genommen. Das Programm beinhaltete die Festlegung von Handlungsfeldern, das Aufspüren von Stärken und Schwächen, die Ableitung von strategischen Zielen und das Generierung von Ideen um die Zukunftsthemen mit Inhalt zu füllen. Und den Weg zu bereiten für einen gesellschaftlichen Dialog mit der Bürgerschaft zum Wohle der Gemeinschaft. Drei Faktoren die zum Gelingen beigetragen haben...1.) Gründliche Vorbereitung auf die Kommune und die Beteiligten, 2.) Gleichberechtigung aller Teilnehmer und ein Fragenkatalog zum Aufspüren des Wissens und der Kompetenz vor Ort. 3.) Eine Verteilung von 10% Input, 60% Arbeitsphase und 30% gemeinsame Diskussion sowie eine geeignete Methode wie den WorldCafé Ansatz für eine Durchdringung eines breiten Themenspektrums durch eine große Gruppe.
  4. Das Particitainment, ein Begriff von Klaus Selle, greift um sich. Kritische Stimmen werden laut, aus der Beobachtung von Initiativen im Internet. Mit einer Reihe von Klicks entwickeln sich Dynamiken die über ganze Projekte entscheiden, teilweise ohne an einer realen und transparenten Auseinandersetzung über die verschiedenen Sichtweisen teilgenommen zu haben. Mit dieser Warnung vorangestellt ein Hinweis auf die Petition der Prinzessinnengärten in Berlin, die Unterstützer suchen um die Fläche am Moritzplatz weiter bewirtschaften zu können.

Schwarz-Rot-Grün 12/09

Anwohnerbeteiligung, Integration, Brachflächenrevitalisierung, ... dicke Bretter? Mag schon sein. Aber ein städtebauliches Projekt, das all dies schafft und dabei ein vielbeachtetes und gestalterisch innovatives Ergebnis mit sich bringt ermutigt zum bohren. Die Kopenhagener Stadtverwaltung zeigt einmal mehr den Weg auf in Richtung sozial nachhaltiger und für Bürger attraktiver Stadtentwicklungspolitik. Der Landschaftspark Superkilen in Kopenhagen, inmitten eines dichten und durch vielfältige Kulturen und Nationalitäten geprägten Quartiers ging aus einem Wettbewerb hervor, den das dänischen Architekturbüro BIG in Verbindung mit dem Berliner Büro Topotek 1 für sich entscheiden konnte. Das Konzept besteht aus drei unterschiedlich geprägten Zonen: eine grüne Erholungs- und Sportfläche, einen modernen, roten multifunktionellen Bereich sowie einen schwarzen, klassisch mit Brunnen und Bänken gehaltenen, Platz. Für Aufmerksamkeit sorgt die Zusammenstellung des Stadtmobiliars aus den jeweiligen Kulturen der Nachbarschaft. Dabei wurden prägende Elemente wie Bänke, Leuchten, Bäume oder Beschilderung entweder aus den Herkunftsländern direkt importiert oder 1:1 vor Ort nachgebaut. Öffentlicher Raum mit internationalem Flair für alle als bemerkenswerte und mutige Alternative zu einer Stadtentwicklungspolitik die auf architektonische Leuchttürme als Mittel setzt, internationale Ausstrahlung vermitteln zu wollen. Orientierung bietet der deutsche Soziologe Max Weber für den Politik „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ ist.

Quelle: Projektreferenz auf der Webseite des Künstlerkollektivs Superflex

 

Seine Idee 12/08

Das „Traum-Projekt“ des sozialistischen Pariser Oberbürgermeister Delanoë geht in die Umsetzung. Ziel ist es die Stadt und die Menschen wieder an die Seine zu bringen. Bislang wurde der Zugang zum Fluss in weiten Teilen durch autobahnähnliche Verkehrsschneisen auf beiden Seiten unterbunden. Die aktuell angelaufende Maßnahme ist ein weiterer Baustein eines umfassenden Mobilitätsstrategie, nach dem Ausbau der Busspuren und Fahrradwege oder der Implementierung des in Paris sehr rege genutzten Fahrradverleihsystems. Zur Eröffnung der mehrspurigen Uferstraße 1960 hatte der damalige französische Präsident noch getönt „Paris must adapt to the car“ – schien also nicht viel anders zu laufen als in Stuttgart und anderen autogerechten Großstädten in diesen Tagen… Erhoffte Wirkung des Projekts: Minus 10% Autoverkehr über die kommenden 5 Jahre (konform mit dem Trend seit Amtsantritt 2001 von 2% weniger pro Jahr).
A place of life, beauty and culture soll entstehen und wer weiß ob da nicht auch der Blick über den Tellerrand nach Lyon mit seiner nach Umbau äußerst lebendigen Uferpromenade den Anstoß für dieses Projekt gegeben hat. Meine eigene Konzeptarbeit zur Umgestaltung des durch Verkehr geplagten nördlichen Themse-Ufers zu einer Victoria ArtBankment (Link zu Embankment Projekt) weist ebenfalls eindeutige Parallelen auf.
Den Kosten im mittleren, zweistelligen Millionen-Bereich steht die Verwertbarkeit von öffentlicher Flächen in großem Umfang für mehr Cafés, Bars, Fußgängerbereiche und Stege für elektrobetriebene Ausflugsboote gegenüber. Sicher nicht zum Nachteil für die angrenzenden Gebäude und Handelsflächen und den Tourismus. In diesem Sinne hinfahren und anschauen! Bei dieser Gelegenheit empfehle ich gleich eine Besichtigung des Parc André Citroen im Südwesten der Stadt als Vorzeigeprojekt (z.B. für Stuttgart) für eine gelungene Revitalisierung einer durch Automobilproduktion geprägten Fläche in einen innovativen Landschaftspark mit großartigen Themengärten und - durch Umleitung des Verkehrs - direkt an der Seine gelegen.

Quelle: Artikel in der NYTimes vom 7.08.2012

Die Zukunft verbaut? 12/07

Chinas High-Speed Urbanismus in der Endlosschleife. Aktuelle Folge ‚Spanien’. In diesem Jahr wird im Reich der Mitte soviel verbaut wie die iberische Halbinsel Wohnungen für ihre Bewohner und ausländische Anleger bereithält. Für die nächsten Jahre bis 20zwanzig sollen in zwei durchschnittlichen Metropolen laut Bauplänen ganz Schweden und Polen nachgebaut werden, in Peking entsteht ein Abbild der Schweiz - nicht dem Stil nach aber dem Umfang an Wohnraum. Vor dem inneren Auge schweifen Kolonnen von Wanderarbeitern vorbei, Wohnetage stapelt sich auf Wohnetage, immer höher geht es, bis wir aus schwindelerregenden Höhen das Ausmaß erfassen, mit dem hier die chinesische Zukunft auf viele Jahre hin zementiert wird.
Die Umsetzung zeitgemäßer Energiestandards ist eine andere Baustelle, hier ist wenig Fortschritt zu erkennen: 9 von 10 fertiggestellten Wohnungen weisen energetische Defizite auf. Kommt nach dem Bauboom der Dämmungsboom?
Die europäische Idealvorstellung mit durchmischten Quartieren, kurzen Wegen zu allen Notwendigkeiten des täglichen Bedarfs, einer lebendigen Nachbarschaft, individueller und energieeffizienter Architektur mögen nicht so recht zusammenpassen mit dem was in China passiert – sozio-kulturell, wirtschaftsdynamisch und nachfragetechnisch prallen hier nach wie vor Welten aufeinander – und doch kann nachhaltige Entwicklung nie isoliert erreicht werden sondern nur in einem globalen Kontext, durch vorausschauendes Handeln und angepasste Lösungen. Wenig Neues aber leider auch nicht in ausreichendem Maße Wirklichkeit.

Quelle: Kurznachricht in zeo2 - das Umweltmagazin, 03/2012